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«kompliment, wenn’s heisst,  ich spinne»

12. Sept.
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 8 Stunden

Menschen in der Region

Nach ihrem Weltrekord am Zehnfach-Ironman in Brasilien wieder zu Hause: Eva Hürlimann mit ihrem Sieges-Rennrad vor dem Eingang ihres Hotels in Krattigen.  © Jürg Alder
Nach ihrem Weltrekord am Zehnfach-Ironman in Brasilien wieder zu Hause: Eva Hürlimann mit ihrem Sieges-Rennrad vor dem Eingang ihres Hotels in Krattigen.  © Jürg Alder

Siegerin an einem Zehnfach-Ironman – in Weltrekordzeit: Damit machte die Extrem-Ausdauersportlerin Eva Hürlimann aus Krattigen im vergangenen Mai Schlagzeilen. Danach spürte sie keinerlei Schmerzen. Ein Besuch bei der 43-jährigen Hoteliere, «Hobbysportlerin» und Mutter von drei Teenagern in Krattigen.


Ihr Name kennzeichnet auch ihr Hotel: «Eva’s Seeblick» heisst das kleine Gasthaus hoch am oberen Dorfrand von Krattigen. Nur drei Wochen ist es her seit Eva Hürlimanns Sieg am Zehnfach-Ironman in Brasilien, als sie im Juni dieser Redaktion auf der Hotelterrasse ein Interview gibt.


Eva Hürlimann, herzliche Gratulation zu deinem Weltrekord und deinem Sieg am Zehnfach-Ironman im brasilianischen Buzios – du warst rund neun Tage nonstop schwimmend, velofahrend und rennend unterwegs, mit kurzen Schlaf- und Essenspausen. Aber man sieht dir die Strapazen nicht an!


Ja, jemand schrieb mal, ich sehe eher aus wie eine Yogalehrerin (lacht)! Für mich gibt’s ja nicht nur den Sport, es muss alles Platz haben im Leben. Ich mag auch den Genuss, koche gerne und trinke auch mal ein Glas Wein. Es gibt Athletinnen, die sich überfordern, die Ermüdungsbrüche oder Entzündungen haben. So etwas hatte ich nie. 


Wie sah deine Konkurrenz aus?

Am Start waren zwei Frauen und acht Männer aus acht Nationen – vier Männer und ich erreichten das Ziel. Ich war schneller als alle Männer. Einmal mehr zeigte sich, dass Frauen in Ultra-Sportarten tendenziell überlegen sind.


Du lächelst auf fast allen Fotos, auch bei grössten Anstrengungen. Wendest du dieses Lächeln bewusst an?

Nein, das ist mein Naturell. Wenn es mir gut geht, bin ich eine fröhliche Person. Auch bin ich dankbar, dass ich einen Körper habe, der das kann, und ein Umfeld, das diesen «Mist» mitmacht (lacht). Für mich ist es ein Kompliment, wenn’s heisst, ich spinne! Man soll machen, was man gerne macht, auch wenn es vielleicht ein bisschen verrückt ist. Deshalb «stüdele» ich meine Projekte nicht hinaus.


Auf einer der unzähligen 8-Kilometer-Runden im Mai im brasilianischen Buzos – auf dem Rad spulte Eva Hürlimann 1800 Kilometer ab.
Auf einer der unzähligen 8-Kilometer-Runden im Mai im brasilianischen Buzos – auf dem Rad spulte Eva Hürlimann 1800 Kilometer ab.

Wie gingst du eigentlich mit der Monotonie des Wettkampfs um? 

Man musste sehr wach und konzentriert sein, deshalb war es gar nicht so monoton. Alle Disziplinen absolvierten wir in Runden: 38 km Schwimmen im 50-Meter-Becken, da kommst du in einen Flow. Du nimmst eine Bahn nach der andern. Darauf folgte das Velo, über 200 Runden à etwa 8 km, mit sehr vielen Kurven auf abgesperrter Strecke. Ich freute mich immer wieder auf die nächste Runde. Ebenso machte ich es beim Rennen – 422-mal eine 1-Kilometer-Runde. So ertrug ich alles gut. Ich hatte zu trinken, hatte meinen Partner an der Strecke, der mir Essen brachte. Ich wusste ja, dass es organisatorisch nicht anders möglich ist. Jedes Team hatte ein Zelt am Streckenrand, wo man Pause machen, essen oder schlafen konnte. Ich schätzte, dass ich alles kannte. Auf dem Velo, meiner Lieblingsdisziplin, wusste ich haargenau, welche Kurve ich wie anfahren musste. Auch da gab es einen Flow.


Stichwort Schlafen: Wie ging das während des Wettkampfes?

Es war ja mein erster Continuous-Wettkampf, an dem jede Disziplin am Stück absolviert wird. Nach den 15½ Stunden Schwimmen war ich vier Tage auf dem Velo und joggte etwa vier Tage. Die ersten zwei Nächte schlief ich bewusst gar nicht, aber es ging mir gut. Danach versuchten wir es mit Powernaps zu 20 bis 30 Minuten. Aber nach Powernaps war ich fast müder als zuvor. Deshalb stellten wir um auf eineinhalb bis zweieinhalb Stunden Schlafpausen in der Nacht. Über Mittag, als es sehr heiss war, machte ich eine kurze Pause – das bewährte sich. 


Wie ging es dir nach der Heimkehr körperlich?

Sehr gut, ich hatte keinen Muskelkater und spürte nur, dass die Muskeln beansprucht waren. Eine Zeitlang hatte ich etwas Wasser in den Beinen und musste sie hochlagern. Aber vor allem war ich sehr, sehr müde. Ich musste viel nachschlafen. 


Du führst hier ein kleines Hotel mit sechs Appartments und zwei Zimmern, du hast drei Kinder im Teenageralter. Wie hast du dich betreffend Hotel und Kinder organisiert?

Das war eine grosse Herausforderung. Nur wenn ich weiss, dass es meinen Kindern gut geht, kann ich entspannen und mich auf den Wettkampf einlassen. Ich hatte das Glück, dass meine Mam von Seftigen kam, hier wohnte und zu den Kindern schaute. Am Wochenende konnten wir es mit Schul-Gspänli, meinem Bruder und seiner Frau abdecken. Das Hotel managte ich aus der Ferne über eine App. Im Mai hatte es nicht so viele Gäste. Ich korrespondierte sogar während des Wettkampfs mit ihnen. Man isst zwischendurch, legt die Beine hoch – genug Zeit, um rasch zu antworten. 


Sportsucht ist gerade ein aktuelles Thema. Bist du sportsüchtig?

Sicher nicht. Während der Kinderpause betrieb ich fünf Jahre lang keinen Sport, und es ging mir auch gut. Klar, wenn ich einige Tage gar nichts mache, freue ich mich riesig darauf, wieder etwas zu tun. Nach Brasilien freute ich mich schon bald wieder auf eine Velorunde um den See – das tut Kopf und Seele gut. Sport hilft mir, ausgeglichen zu sein. Aber ich habe keinen Trainingsplan und trainiere nicht mehr als acht bis 15 Stunden pro Woche. Auf Wettkämpfe bereite ich mich mit Intervalltrainings vor.


 Jürg Alder


Im Fokus 

Extremsportlerin, Mutter und Hoteliere

Was die 43-jährige Eva Hürlimann aus Krattigen sportlich leistet, ist für Normalsterbliche jenseits alles Vorstellbaren: Als Ultra-Triathletin hängt sie mehrere Ironmans aneinander – was fünf- oder zehnmal 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 42,2 km Laufen bedeutet. Sie stellte mehrere Weltrekorde auf: So 2018 über fünf Ironman (Langdistanz-Triathlon) in fünf Tagen, 2019 über zehn Ironman in zehn Tagen, und 2023 wurde sie Weltmeisterin im Dreifach-Triathlon «continous», bei dem jede Disziplin einzeln über die Dreifachdistanz absolviert wird. Im Mai dieses Jahres gewann sie in Brasilien gegen acht Männer und eine Frau den Deca Ultra Triathlon «continous», einen zehnfachen Ironman nonstop, in der Weltrekord-Gesamtzeit von 206 Stunden für 38 km Schwimmen, 1800 km Radfahren und 422 km Laufen. Ab 2011 betrieb die in Pieterlen als Tochter eines Altersheimleiters aufgewachsene Pflegefachfrau während fünf Jahren keinen Spitzensport, um ihre beiden Töchter und ihren Sohn aufzuziehen. 2016 nahm sie an ihrem ersten Gigathlon in der Innerschweiz teil – und gewann diesen.


Eva Hürlimann bezeichnet sich nicht als Profisportlerin, denn dank Sponsoren kann sie gerade ihre Unkosten decken. Zusätzlich führt sie in Krattigen das Hotel «Eva’s Seeblick». Mit Motivationsvorträgen und Coachings erzielt sie weitere Einnahmen. An Wettkämpfen wird sie vor allem von ihrem Lebenspartner unterstützt. Wenn sie nicht gerade trainiert, kocht sie gerne, geniesst im Sommer den See und im Winter die Berge . 


Weitere Infos siehe


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